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Der Mythos


Mythos Paris-Roubaix

Gladiatoren in der Hölle des Nordens


Wohl kein Klassiker hat einen solchen Klang wie Paris-Roubaix. Hier werden Legenden des Radsports geschaffen. Doch für viele ist das Rennen mit den Kopfsteinpflaster-Passagen einfach ein anachronistisches Spektakel.
Brutale Schläge erschüttern den Körper. Je nach Wetter frisst sich Staub in jede Pore der Haut oder verschmiert Schlamm Gesicht, Trikot, Beine. Mit schmerzverzerrten Gesichtern treten die Radprofis in die Pedalen, versuchen Kontrolle über ihre Sportgerät zu behalten. Wer sich verschaltet, den Rhythmus verliert, stürzt und bringt damit auch die nachfolgenden Fahrer in Schwierigkeiten.
Der Wahnsinn der pavés
Das ist Paris-Roubaix, die "Königin der Klassiker", die "Strecke der Qualen", die Fahrt durch die "Hölle des Nordens". Der ehemalige Renndirektor Jacques Goddet nennt Paris-Roubaix den "letzten Wahnsinn, den der Radsport zu bieten hat". Die 260 Kilometer lange Strecke ist flach und gilt doch als eine der schwersten. Grund sind die pavés: 26 Kopfsteinpflaster-Passagen, deren Belag noch aus der Postkutschenzeit stammt.
Die Profis lieben oder hassen den Ritt über die pavés. Dazwischen gibt es nichts. "Es braucht eine gewisse Liebe zu diesem Schweinerennen, um Erfolg zu haben", sagt Olaf Ludwig. Der Ex-Profi und heutige sportliche Leiter des Team Telekom hat sich die Strapazen selbst sieben Mal angetan und weiß: "Es reicht nicht gut zu sein, weil alles passieren kann."
Stoff für Heldengeschichten
Nur wenige schaffen es, den Bedingungen zu trotzen: Im vergangenen Jahr erreichten von 190 Startern nur 41 das Ziel. Doch wer durchkommt und am Ende ganz vorne liegt, wird zur Legende. Ludwig: "Es gibt viele schwere Rennen, aber hier werden Helden geboren."

Johan Museeuw ist so ein Held. Der Belgier hat eine ganz besondere Beziehungen zu den pavés. 1998 zertrümmerten die scharfen Kanten der Steine sein linkes Knie. Die Ärzte hatten größte Mühe, eine Amputation des Beines zu verhindern. Zwei Jahre später kehrte er zurück, fuhr allen davon und radelte im Veldodrom von Roubaix als Sieger über die Ziellinie.
Modernes Gladiatorentum
Stürze wie der von Museeuw 1998, sind es, die Marcel Wüst mit einem klaren "Nein" auf die Frage antworten lassen, ob Paris-Roubaix heute noch zeitgemäß ist. Der ehemalige Topsprinter und heutige Sprecher des Teams Coast sieht in dem Rennen ein Spektakel in der Art antiker Gladiatorenkämpfe: "In Rom haben sie gegen wilde Tiere gekämpft, die modernen Radprofis kämpfen gegen Kopfsteinpflaster, Wind und Regen. An die Sicherheit denkt keiner."

Für Wüst wäre die 100. Auflage des Rennens im vergangenen Jahr die passende Gelegenheit gewesen, den Klassiker "ins Museum zu schicken." Schließlich werde die Formel 1 ja auch nicht auf Feldwegen ausgetragen. Für Olaf Ludwig hat das Rennen dagegen durchaus seine Berechtigung. "Wenn es Paris-Roubaix nicht mehr gäbe, würden alle schreien, dass was fehlt.
Paris-Roubaix 2004Schwede Backstedt siegt beim Klassiker Paris - Roubaix
Die 102. Auflage von Paris - Roubaix endete mit einer großen Überraschung, Steffen Wesemann tröstete sich mit dem Weltcup-Trikot. Der hünenhafte Magnus Backstedt feierte den ersten Sieg eines Schweden bei dem seit 1896 ausgetragenen Rad- Klassiker.
Der Skandinavier mit der Figur eines Zehnkämpfers war in einer vierköpfigen Fahrergruppe, die sich rund zehn Kilometer vor dem Ziel gebildet hatte, der schnellste Sprinter. Er verwies den Niederländer Tristan Hoffmann auf den zweiten Rang. Damit bleibt Joseph Fischer der einzige deutsche Sieger in Roubaix. Der Bayer aus Cham gewann die erste Austragung.
Wesemann, der auf der Verfolgung der vier Spitzenreiter einen Defekt hatte und zu allem Überfluss auch noch im Finale auf der Radrennbahn stürzte, löste den diesmal fehlenden Doppel-Weltmeister Oscar Freire (Spanien) an der Weltcup-Spitze mit 110 Punkten ab. Der als Mitfavorit an den Start gegangene Wahl-Schweizer aus Wolmirstedt, der vor einer Woche die Flandern-Rundfahrt gewonnen hatte, wurde nach 261 km 16. «Meine Form war super, aber leider hatte ich hier wieder großes Pech im falschesten Augenblick. Das Trikot ist wenigstens ein kleiner Trost», meinte Wesemann, der Schürfwunden davontrug.
Doppel-Olympiasieger Robert Bartko (Potsdam) aus dem niederländischen Rabobank-Team hatte noch mehr Sturz-Pech und musste wie Wesemanns Team-Kollege Andreas Klier (München) schon früh ausscheiden. Die berüchtigten Kopfsteinpflaster-Passagen waren bei trockenem Wetter in 26 Sektoren aufgeteilt und hatten eine Gesamtlänge von 51,1 km.
70 Kilometer vor dem Ziel hatte sich eine 35 Fahrer starke Kopfgruppe gebildet; in ihr fuhren alle Favoriten. Nach verschiedenen Attacken hatte sich im entscheidenden Moment eine fünfköpfige Spitzengruppe gebildet, in der auch der dreifache Paris-Roubaix- Sieger Johan Museeuw fuhr, der sein Rad am Mittwoch nach dem Schelde- Preis in die Ecke stellen und seine Karriere beenden will.
Der 38-jährige Belgier, zuletzt 2002 Sieger in Roubaix vor Wesemann, wurde in seinem letzten Weltcup-Rennen Fünfter und hätte sogar noch mehr herausholen können. Acht Kilometer vor dem Ziel beraubte ihn ein Defekt aller Illusionen. Pech hatte auch sein Landsmann, Vorjahressieger Peter van Petegem, der Hand in Hand mit Museeuw das Ziel passierte.

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